Auf nach Hamburg – soziale Praxis wider dem Spektakel

Das wenige Tage vor dem Mauerfall besetzte Autonome (“Kunst-und Kultur”-) Zentrum Rote Flora” schien in die Jahre gekommen zu sein. Außerhalb eines begrenzten “Nutzerkreises”, der sich regelmäßig im Szenesprech zu den dringlichsten Angelegenheiten der identitären Restlinken äußerte und sich ansonsten den monetären Notwendigkeiten dieser Welt widmete und dem finanziell gut ausgestatteten erlebnishungrigen Eventmob Partynächte im subkulturellen Ambiente ausrichtete, schien niemand mehr groß vom die Eigentumsverhältnisse in Frage stellenden Besetzungszustand Kenntnis nehmen zu wollen.

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Alle Bemühungen der letzten Jahre, von “Ich würde es so lassen”, bis “Acces all Areas”,  den “Kampf um die Rote Flora” zu einem zentralen Bezugspunkt der sozialen Konfliktualität in Hamburg zu machen, erwiesen sich als ebenso erfolglos wie überflüssig. Seit dem Abgang des dauerverschnupften homophoben Schill war eine mögliche Räumung der “Roten Flora” kein Thema mehr in der hanseatischen Innenpolitik. Ein öffentliches Bekenntnis, am Status des Projekts nicht rütteln zu wollen, wurde fast zu einem Essential der jeweiligen Regierungspartei(en). Umso erfreulicher erscheint uns die aktuelle Entwicklung in der Hansestadt, mit dem folgenden Text wollen wir auf die Einladung aus Hamburg, sich am “Autonomen Block”  auf der bundesweiten Demo am 21.12.2013 zu beteiligen, antworten.

Überlebte Realität – Von Zentren und Zeiträumen 

Ohne Zweifel ist der Glanz der “Autonomen Zentren” mehr als verblasst. Eine Entwicklung, die sich nicht nur in Deutschland ereignet, wo “Autonome Zentren” Gerichtsprozesse um Schankerlaubnisse führen oder militante Schauinszenierungen initiieren, um am Ende einen neuen Nutzungsvertrag in besserer Wohnlage zu feiern. Auch in Italien kommt es z.B. zunehmend zu Konflikten zwischen einem nihilistisch/aufständischem Teil der “autonomen Bewegung” und einigen etablierten Centro Sociale.

Auch der postulierte “Kampf um die rote Flora” hätte uns vor wenigen Monaten nur ein müdes Gähnen entlockt. Zu etabliert schien uns die Rolle des “Projektes”  in Hamburg, das mittlerweile sogar von der Springer Presse wohlwollend umgarnt wird. Wenn wir uns jetzt dazu entscheiden, uns positiv auf die aktuelle Mobilisierung zum 21.12. zu beziehen, geschieht dies aufgrund der sich entwickelnden Dynamik, die so teilweise von den Akteuren gewollt, teilweise aber auch aufgrund der Rahmenbedingungen und der zeitlichen Kongruenz mehrerer sozialen Konfliktualitäten ein Eigenleben entwickelt hat. Also zu dem geworden ist, was uns im Kern eigentlich interessiert, weil wir jeglicher Kampagnenpolitik und organisierter Empörung mehr als überdrüssig sind.

Um sich einen (unvollständigen) Begriff der aktuellen Entwicklung in Hamburg erarbeiten zu können, gilt es sich einige Dinge zu vergegenwärtigen. Der Konflikt um die Situation der Lampedusa Gruppe ist nichtnichten in erster Linie einer um einen staatlichen oder gesellschaftlichen Rassismus. So sicher es in allen Stellen der repressiven Bürokratie der Hansestadt wie auch im Milieu der politischen Entscheidungsträger einen strukturellen Rassismus gibt, so ist doch der Kern der aktuellen Auseinandersetzung ein anderer. Im mörderischen FRONTEX Grenz-Regime, in Lager-und- Residenzpflichtpolitik, ebenso wie in Dublin II, manifestiert sich der soziale Krieg des Empire gegen alle Migrationsprozesse, die sich jenseits der Verwertungslogik abspielen. Der Suizid des in der Ungewissheit eines jahrelange Asylverfahrens gezwungenen Flüchtlings ist ebenso wie das tausendfache Sterben im Mittelmeer eine dringendste Notwendigkeit im Abschreckungsprozess gegen die weltweit zunehmenden ungeordneten Migrationsprozesse.

Ansätze, diese mörderische Repressionsmaschinerie anzugreifen, in ihre Abläufe zu intervenieren, gibt es schon seit Jahrzehnten (Kampagne der Revolutionären Zellen), sie blieben bisher ebenso rudimentär wie alle Bemühungen von Menschenrechts-und-Unterstützergruppen. Alle unzähligen Protestaktionen und Revolten der Flüchtlinge blieben in Deutschland über Jahrzehnte ohne wesentliche Resonanz, die großen Manifestationen nach dem Tod von Kemal Altun in Berlin blieben ein singuläres und temporäres Ereignis.

Erst mit der massenhaften Selbstorganisierung der Flüchtlinge, die mit der Refugee Tent Action im Frühjahr 2012 begann, gelang es die Ohnmachtserfahrungen dieser Kämpfe kollektiv aufzubrechen. Dem aktuellen Kampf der Lampedusa Gruppe in Hamburg gelang es nun ebenso wie den Protesten der Flüchtlinge in Berlin Tausende zu mobilisieren. Vor dem Hintergrund der Entscheidung des Hamburger Senats, massenhaft Razzien gegen die Flüchtlinge auf St. Pauli zu initiieren, kam es am 14.Oktober zu einem öffentlichen Ultimatum von “Autonomen,  Aktivist_innen der Roten Flora und Menschen aus dem Umfeld von Recht auf Stadt” an den Hamburger Senat, die Menschenjagd sofort zu beenden.

Andernfalls werde es zu “wütenden Protesten” kommen, diese Wut  ”werde sich auch auf der Straße mit allen Mitteln ausdrücken”. Nachdem die Razzien fortgesetzt wurden, kam es zu der angekündigten unangemeldeten Demo von der Flora aus. Nachdem die Bullen die Demo samt vermummten Frontblock gestoppt hatten, kam es stundenlang zu Auseinandersetzungen in der Schanze.

In den folgenden Stunden immer wieder zogen kleinere und größere Demozüge durch das Viertel. In den folgenden Tagen gab es praktisch jeden Tag unangemeldete Demos, die Bullenkapazitäten banden, am 25. Oktober demonstrierten 10.000 Menschen nach einem Heimspiel von St. Pauli, am 02. November beteiligten sich über 15.000 Menschen an einer Solidaritätsdemo. Seitdem kommt es weiterhin zu Spontandemos und anderen Aktionen, wie der Besetzung der Hamburger SPD Zentrale, sowie zu weiteren Aktionen in mehreren deutschen Städten.

Kommt Zeit, kommt Praxis

Wir alle neigen dazu, geschichtliche Abläufe von ihrem Ergebnis her zu interpretieren, so erscheint vielen vielleicht die Entwicklung in Hamburg folgerichtig und einer linearen Logik folgend.

Wir halten dagegen, dass sich in der aktuellen Dynamik subjektive Entscheidungen und zeitliche Entwicklungen überlagern. Im August machen Menschen aus der Flora öffentlich, dass das Projekt durch neue Pläne vom Formaleigentümer  Kretschmer und seinem Kompagnon Baers gefährdet sei.

Es folgen mehrere gutbesuchte Vollversammlungen mit bis zu 400 Menschen, auf denen u.a. eine bundesweit und international beworbene Demo für den 21.Dezember beschlossen wird. Neben einer “autonomen Modeschau” im gutbetuchten Hamburg Pöseldorf im September und dem Aufruf zu einem “Autonomen Block” auf der „Keine Profite mit der Miete“ Demo in HH, der mäßig besucht war, passiert erst einmal nicht viel.

Erst mit den Razzien gegen die Flüchtlinge auf St. Pauli, die kurz nach dem Tod von über 300 Flüchtlingen vor Lampedesu erfolgten, einem Geschehnis, das nur die Zuspitzung des tagtäglichen Krepierens an den EU Aussengrenzen darstellte, und der Entscheidung, die Repression gegen die Flüchtlinge, die klar darauf abzielte, ihre Abschiebung vorzubereiten, nicht zum Gegenstand von Protesten zu machen, sondern sie praktisch und politisch zu sabotieren, um sie letztendlich zu verhindern, wird die identitäre Mobilisierung um die Flora zu einer Intervention im sozialen Krieg.

Es geht heute um nicht weniger, als darum, sich anzumaßen, das gesellschaftliche Kräfteverhältnis grundsätzlich und konkret in Frage zu stellen und sich in die Lage zu versetzen, Erfolgserlebnisse zu organisieren, die die verinnerlichte Ohnmachtshaltung durchbrechen. Gegen “die autonome Politik” gab es immer den Vorwurf, sie verharre in “Teilbereichskämpfen”. Dies war in den 80igern nicht anders als heute. Gebar sich damals der “Frontprozess” der antiimperialistischen  Gruppen und der bewaffneten Avantgarde als einzig ernstzunehmende Option auf die Organisierung von Gegenmacht, so wird heute der UmsGanze Prozess soweit vorangetrieben, bis die intervenistischen Linken ihre polizeiliche Einkesselung als politischen Erfolg abfeiern.

Die Begrenzung “der autonomen Praxis” liegt jedoch nicht in ihrer Beschränkung  auf das konkrete soziale Terrain, in dem sie interveniert, sondern in der Beliebigkeit ihrer Begierden, als auch in ihrer identitären Abgrenzung, sowie ihrer aktuellen Unfähigkeit, punktuelle Machtfragen überhaupt zu stellen.

Im Kern gibt es heute keine Option auf eine andere Gesellschaftsordung, weil es keine historische Klasse mehr gibt, die in der Lage wäre, aus ihrer objektiven Situation und ihrem subjektiven Bewusstseins heraus, eine Überwindung des Bestehenden zu imaginisieren und zu organisieren.

Gleichzeitig erleben wir nach “dem Ende der Geschichte” eine Zuspitzung der weltweiten sozialen Konfliktualität, die immer häufiger nihilistische Züge trägt, weil die Träger der Unruhen keinerlei Forderungen mehr haben außer jenen nach den Selbstverständlichkeiten, die seit der französischen Revolution als “Gespenst durch Europa” ziehen. Die zentrale Fragestellung ist die nach Bündnispartnern in einem aufständischen Prozess, der weder theoretisch noch organisatorisch auch nur ansatzweise determiniert ist. Alle scheinbaren Gewissheiten der Ideologie gilt es ebenso wie den ganzen Ballast an subkulturellen Krimskrams über Bord zu werfen. Die Gefährten für diesen Prozess finden wir direkt vor unserer Nase.

Gefährten

Die Schnittmenge, die sich in den Kämpfen um den Erhalt der ESSO Häuser als strategische Auseinandersetzung in der umkämpften Stadt, dem Kampf der Flüchtlinge und der Intervention der Flora abbildet, ist eben jenes Terrain, auf dem sich eine soziale Konfliktualität begegnet, die darauf angewiesen ist, die Frage um ihre Existenz auch existenziell zu stellen, weil es keinerlei dazwischen für sie mehr gibt. Das macht die Dynamik aus, die derzeit in HH die Bullen tagtäglich auf die Strassen zwingt.

Dieses soziale Bündnis, das ebenso explosiv wie auch fragil ist, weil es jenseits aller identitären Pose wie auch Bewegungsmanagement stattfindet (auch wenn die üblichen Verdächtigen fleissig mitmischen und einen Spagat zwischen Zuspitzung und Angst vor Kontrollverlust versuchen), schafft es Sehnsüchte abzubilden, die weder neurotisch noch durch Konsum befriedigt werden können.Dies erklärt den massenhaften Zuspruch genauso wie die tagtäglichen kleineren Demos und militanten Mobs, die durch die Strassen ziehen.

Indem “die Flora” von sich aus die Entscheidung trifft, ihren Status zur Disposition zu stellen (denn alle aktuellen ”Bedrohungsszenarien” halten wir für übertrieben, weil von Seite der lokalen politischen Entscheidungsträger nicht ansatzweise mitgetragen), sich also aus der Lethargie ihrer Identitätspolitik und des aktuellen Status des Diskursiven befreit, sich offensiv aufstellt  und sich damit als “Projekt” angreifbar macht, schafft sie den Raum der Spannungen, der vermisst und begehrt wird.

Heimspiel

Wir begrüssen daher den Vorschlag einer internationalen und bundesweiten Demo in Hamburg am 21.12.2013.

Wir halten es in diesem Zusammenhang für die zentrale Frage, den Charakter dieser Demo im Vorfeld gemeinsam und öffentlich zu bestimmen. Die derzeit in Hamburg ebenso wie in Berlin und anderen Städten stattfindenden unangemeldeten Demos und Aktionen zeigen, dass es ein Bedürfnis nach einer Ausdrucksform jenseits des Spektakels gibt. In Berlin hat sich dies auch in der Diskussion um den diesjährigen 1. Mai gezeigt.

Es geht aus unserer Sicht bei der Demo am 21.12. nicht darum, ein autonomes Revival zu organisieren. Der Erfolg der Demo wird nicht davon bestimmt werden, dass die Demo und der autonome Block möglichst gross wird oder wie durchgängig die Vermummung sein wird. Auch wenn wir beides natürlich begrüssen würden.Sondern er wird davon abhängen, inwieweit es gelingt, die Demo und die aktuelle Entwicklung in Hamburg zu einem generellen Bezugspunkt zu machen, indem sich die soziale Konfliktualität abbildet und eine generalisierte Debatte um autonome Politik  angestossen wird. Und dies über den 21.12. hinaus.

In Bezug auf den Ablauf des Tages geben wir uns keinerlei Illusionen hin. Vieles wird nicht von uns abhängen.Das Lagebild der Bullen, die Entscheidung darüber, ob die Demo einschliessend begleitet wird, ob und wieweit Vermummung toleriert wird, wann und wie nach möglichen militanten Interventionen reagiert wird, liegt jenseits unseres direkten Einflusses. Wir haben aber die Möglichkeit, durch eine (zumindestens teilweise) öffentliche gemeinsame Diskussion im Vorfeld für uns zu entscheiden, was wir eigentlich an diesem Tag wollen.Und wie wir dafür die Bedingungen schaffen können.

Für den Kontrollverlust – Wider dem Spektakel

Autonome aus Berlin/ Agenten der Imaginären Partei

 

Ukraine: what’s going on, and what does it mean?

Über die “Ursprünge” der aktuellen Proteste in der Ukraine, ihrer Zusammensetzung und Widersprüche (Original auf libcom.org):

Some thoughts on the protests happening in Ukraine. Things are not completely what they may seem.

The mass protests unfolding in Ukraine are raising a few eyebrows here and there, as well as the usual hyped-up talk of people’s revolt and even revolution. The eyebrows are justified. Mass demonstrations of many hundreds of thousands in the winter cold, people blockading government buildings, attacking a presidential palace and occupying the city government office, calls for president and government to resign, talk of a general strike…all in support of closer ties to the EU? It all seems a bit odd. Add to the strange brew a strong element of extreme nationalism, and the picture of a movement that is right wing, reactionary and unsupportable from a radical, libertarian communist point of view becomes even clearer. What has been going on? I think there are at least three elements to all this.

First, there is a cleavage among the political elites of Ukraine. Yanukovych, the current president and his government are based in the East of the country, where the big but ecomomically obsolete factories and mining areas are. People in this area generally speak Russian, not Ukrainian (Yanukovych himself only learned Ukrainian as an adult, for career reasons). The business class in these areas is oriented to Russia, politicians like Yanukovych see the Ukrainian-Russian relationship as vital. In the West, where people speak Ukrainian, elites are much more oriented towards the EU. They hope for investment opportunities and business ties. The Ukrainian state balances between these twee oprions, with the current regime generally leaning more to Russia, but not entirely closing off the road to Brussels.

Now, there was a trade deal being prepared between Ukraine and the EU. At the last moment, Yanukovych rejected the bill. Because of Russian pressure, partly, but also because in Yanukovych’ eyes, the price was not right: he is haggling for more financial support. The treaty itself, according to a cheerfulexplanation on Radio Free Europe/Radio Liberty, was mainly about trade liberalization and making Ukrainian law conform to EU regulations. The trade liberalization consisted of skipping EU import duties for Ukrainian exports within seven years, and skipping Ukrainian import duties for EU exports within ten years. This would mean trade opportunities for Ukrainian business oriented to the West. Here lies a likely reason for the anger among right wing politicians rooted in pro-western business circles when Yanukovych skipped the deal: they may well have felt robbed of lucrative opportunities. According to some research, Ukrainian GDP was supposed to grow “more than six per cent over the next decade”, because of this trade liberalization. Better still: “increased competition would bring prices down, fuelling an increase in household consumption percent over 10 years”. Of course, this leaves out another effect of increased competition. As soon as EU companies can freely export to Ukraine, many Ukrainian companies will become outdated and be forced to close or raise productivity, laying off workers. What will rise may not be household consumption, but wholesale unemployment. That is not mentioned in the RFE/ RL piece.

The treaty can be seen as a part of a broader pattrern of EU-Ukraine economic relations. The deal itself did not promise enormous credits. But earlier agreements did. Ukraine received a EY grant of 1 billion euro in 2011, and may get another grant of 600 million, “if Kyiv strikes a deal on a $ 15 billion loan with the International Monetary Fund (IMF)”, according to the already-mentioned RFE/RL article. I don t’know what the conditions of that loan will be, but I can guess. With these kind of deals, austerity, Greek-style, will come to Ukraine, already a land of poverty. And there is more. “If Ukraine throws its lot with the EU, it will have to pay the full market price for gas, losing the concessionary rate enjoyed at present.” (Marina Lewycka, Guardian, 1 December). That concessionay rate – meaning a lower gas price – is a product of the Russian-Ukrainian ties for Russia is Ukraine’s source of gas. Losing that advantage means higher gas bills, for both households and enterprises. So much for boosting household consumption.

Yanukovych and his pals probably wanted the deal off until they get a better deal, because they see their proteced business interests threatened by competition from the EU, by higher energy prices and maybe also by mass anger against EU-style austerity when it comes. And he and his pals have something to defend. “Yanukovych has led the country to the brink of financial collapse as his coterie and his financial backers grow insanely and obscenely rich”(Ian Traynor, Guardian, 1 December 2013, ) The man himself is a “very wealthy man with a a large estate outside of Kiev”, according to another Guardian piece by the same writer. Where did his wealth come from? Not from heritage, for he was from a rather poor background. Politics-as-business, also known as corroption, may be the name of the game. He and his friends have much to loose, and beyond this, they feel pressurized by Russia, the big gas exporter, former imperial overlord and strong neighbour. The Yakunovych wing of the ruling class, with its entrenched interests and geopolitical ties, and with their armies of riot cops, are no pushover.

So there we have it. Entrenched power-holders, filthily rich and well-connected with Russia, and with armefd force available, on the one hand; strong EU-oriented business and political interestst interests on the other. Modernized austerity as an alternative to traditional corrupt business as usial. Not much to choose there. This is an intra-business conflict, in which the pro-EU wing of the ruling class succeeds in raising an impressive stage army of protesters. There is no reason whatsoever for the taking of sides here.

But then, the riddle begins. One can imagine opposition politicians mobilizing their supporters, in their thousands and in their tens of thousands. But in the last few days, we hear about hundreds of thousands in the capital Kiev alone. Half a million people in the cold streets, confronting riot cops and cold winds and snow, just because they would rather be exploited from Brussel-oriented business than from Moscow-oriented business? People barricading streets, blockading and occupyingh buildings becuase the prefer EU austerity above old-school corruption? It does not sound plausible. It does not make sense. There are more factors at play.

Not the whole movement consists of of supporters of the traditional opposition parties. There is a strong, student-based movement that tries to keep all politicians at a distance. Here is how Marina Lewycka, already quoted, describes it: “For the young people in the square, this whole game of political tit-for-tat is what they reject.” One of the places these wing of the movement appartently gets inspiration from is the Occupy movement, according to Claire Biggs who explains on 25 November: “Unlike the Orange Revolution, the current protests are divided into two separate rallies – one by young nonpartisan activists inspired by the Occupy movement, the second, concentrated on another Kyiv square, by political parties.” Now, the Occupy movement, whatever its failings, was not a very pro-EU movement, as people may recall. It was not a very pro-business movement either. Claire Biggs, 27 November on RFE/ RL : “The demonstrations have brought to the forefront a new generation of protesters that grew up in an independent Ukraine and have few – if any – memories of the Soviet Union. They see themselves as Europeans, they are disillusioned with politics-as-usual, and they feel increasingly at odds with establishment opposition figures.”

Here, the story gets interesting. These young people may function – ‘objectively speaking’, to use some old-fashioned jargon – as a stage army for the opposition. But they don ‘t see themselves that way, and there is no guarantee that they will behave that way. People assembled in mass protests day after day – for whatever reason – tend to gain in self-confidence, may start to develop ideas of their own, and may get into the habit of acting upon them.. And there is tension between these kind of protesters and the more traditional political opposition. “So far, most of the opposition leaders have refused to heed students’ requests to get rid of party symbols.” One side demands, another side does not comply. This is a recipe for people taking a direction that opposition politicians do not like.

As we already saw, there are not one, but two centres of assembly, one for the traditional parties, one for the younger, Occupy-style protesters. On the latter, we read interesting things: “Coordinating committees have been set up, with volunteers distributing blankets, food, and warm clothes donated by supporters. In Kyiv, the coordinating committee also organizes pribate accomodation for demonstrators travelling from other cities.” This is in no sense an anti-capitalist movement, and I have not seen any signs of workers in action for demands of their own. Yes, there have been a calls for a general strike. But one such call was put forward by “the regional authorities” in and around Lviv, according to Shaun Walker in the the Guardian on 1 December. Now, Lviv is a city in the West of the country where tthe opposition is strong. So this is probably a call by the party political opposition. This means that the action may be general, but not an workers’ strike in an serious sense. So, no, no independent workers’ role to be seen. But there is that odd bit of horizontal practice, that do-it-yourself-attitude, that characterizes radical movements, combined with the most un-radical political ideas. It is a weird mixture. But clearly, the domination of pro-business, pro-EU right wing politicians is not at all complete.

Of course, the pro-European attitude of even the Occupy-style activists is weird and misplaced. The EU is not the paradise of liberty and modernity that demonstrators may believe it to be. Roma persecuted in France and elsewhere, refugees detained and deported or being left to drown in the Mediterranean, anti-austerity protestors and antifascists being beaten back by riot police in city after city… all these people could tell a story or two of liberty, EU style. If Ukraine ever becomes a EY country, it will not look like Germany. It may look like Spain, or Greece.. Or like Slovenia, where there has been a strong movement against austerity already. ‘Europe’, for the Ukraine protesters, functions as a kind of myth, juist like the Soviet Union functioned as a myth for too many radicals in the Nineteen Thirties, just like Cuba and China functioned as myths in the Sixties and Nicaragua in the Eighties. We should expose the lies behind the myth; but we should also be able to notice what is behind the attraction of the myth: a desire for freedom, a rejection of politics-Yanukovych-style. The desire and the rejection itself are fully justified; but the political expression in a pro-EU-direction is reactionary.

What makes the developments more negative is the role of Ukrainian nationalism. For behind the pro-European expressions lies not only a desire for freedom. It is also a way of saying no to anything that smacks of Russia. ‘We belong to Europe’ is a way of saying ‘We refuse to belong to Russia, its sphere of influence, its tradition’. Now, Russia has been the imperial overlord of Ukraine, both under the Czar and in the time of the Soviet Union. People have not forgotten the hunger in the Nineteen Thirties, in which people felt that Stalin led people starve both because they were peasants standing in the way of collectivization and because they were Ukrainians standing in the way of Russian domination. People have good reasons d to remember Russia’s role as a destructive, oppressive force.

But Ukrainian nationalists exploit this feeling to turn it into anti-Russian chauvinism. As if Russian-language people in Ukraine are the problem. This anti-Russian chauvinism is part of an Ukrainian nationalist tradition with a very ugly past, with episodes like a proto-Nazi regime in 1919 led by pogromist Petlyura, and like the extensive collaboration in Ukraine with the actual Nazis during the Secondf World War as examples. This nationalism is not dead.

Extreme right wing forces play a prominent part in the protests in recent weeks. There has been the effort to storm the presidential palace, using a bulldozer. Before we gasp too much in admiration, some information on participants may be useful. A certain Dmytro Korchinsky has been seen among the crowd, according to several people. Korchinsky heads a group called Brastvo (Brotherhood), “a political organization that describes its ideology as ‘Christian Orthodox national-anarchism’”. Nothing truly anarchist, of course, about a mixture of power-abiding Orthodoxy and extreme nationalism. This is clearly a fascist group, and it may have played a role in the effort to storm the building. The occupation of the city government building has been done by the Svoboda (Freedom) party, a nationalist organization led by Oleh Tyahnbok. This person “has called for a visa regime with Russia and argued against the introduction of Russian as a second state language”. I use for this information an overview by Daisy Sindelar of the main protagonists in the protest movement on the RFE/ RL website, a Cold War, pro-Western information source that nevertheless is very informative, if used with care. By the way, Tyahnbok is also accused of anti-Semitism, another reactionary tradition that is not exactly dead in Ukraine.

So there we have it: a combination of three things. An inter-elite struggle between a pro-Russian faction and a pro-EU faction, the latter bringing out its supporters on the street, the former mainly – but not exclusively: there have been pro-Yanuchevych demonstrations) supporting itself by repression and bureuacratic rule. A youth revolt, expressing its anger and desires through a pro-European discourse; but with bits of horizontal and radical practices that point in an entirely different direction. An extremely reactionary eruption of anti-Russian chauvinism and generally nationalist politics, with bits of fascism clearly apparent. On the whole, a rather right wing revolt against a reactionary regime. But within the revolt, there are contradictions. It would not be the first time that an elite struggle, a manipulated, stage-managed power struggle, escaped elite control. Things may get out of hand, and there is no telling yet which way.

Peter Storm

Diskurs über die Methode – Der Kampf mit den Harragas in Paris

Im Frühjahr 2011 besetzten tunesische Flüchtlinge aufeinanderfolgend mehrere Gebäude in Paris, auch als Antwort auf die stetigen Kontrollen, Razzien und Vertreibungen von den öffentlichen Plätzen und Parks der Stadt, die ihnen Unterschlupf und einen Ort sich zu treffen bieten. Zur gleichen Zeit kam es auf den Strassen von Paris in diesem Kontext zu Demonstrationen, Unruhen und Konfrontationen mit der Polizei, sowie zu Störungen von Veranstaltungen, die der Welt ein „neues Tunesien“ präsentieren und verkaufen wollten. Einige Anarchisten waren Teil dieser Besetzungen und Aufstände.

Der Text reflektiert ihre Erfahrungen der Intervention in diesen Kampf, er erzählt von den Begegnungen mit den tunesischen „Harragas“ auf Basis von Affinität und Selbstorganisation, vom Experimentieren mit anderen Beziehungen, die sich nicht auf materiellen Unterschieden gründen (Papiere besitzen oder keine Papiere besitzen) sondern aus einer gemeinsamen totalen Kritik am Bestehenden erwachsen, und von der Notwendigkeit der Zurückweisung von (linken) Kräften, die vermitteln und mit der Macht verhandeln wollen, als Voraussetzung, um sich autonom organisieren zu können. Er stellt die Frage nach den Möglichkeiten einer Intervention und nach den Perspektiven eines Teilkampfes, und stellt, im Wissen darum, dass die Ziele eines solchen Kampfes begrenzt sind, der quantitativen Ausweitung die qualitative Vertiefung gegenüber.

Wenn der Kampf der anarchistischen Gefährten in Paris innerhalb eines bestimmten Kontexts geführt wurde, den wir hier nicht auf diese Weise vorfinden, können dennoch einige Punkte, die aus ihren Erfahrungen hervorgehen, einen wichtigen Beitrag zu Diskussionen leisten, die hier geführt werden.

Für einige Leser mag es vielleicht paradox erscheinen, den Erfahrungen des Pariser Kampfes mit den tunesischen Harragas1, auf den wir hier zurückkommen werden, so viel Gewicht zu geben. Denn, von welchem Interesse könnte ein Kampf sein, der sich nur über sehr kurze Zeit (die 2 Monate von Mai bis Juni 2011) in einem beschränkten Raum (einige Viertel einer Metropole) entfaltet hat, bevor er sich aus Mangel an Kämpfenden wieder erschöpfte, und der aus einem materiellen Blickwinkel nur sehr dürftige Resultate erzielte? Dennoch, wenn man die grosse Brille irgendeines „revolutionären Subjekts“ oder des berühmten „weltweiten Klassenkampfes des Proletariats gegen die Besitzenden“ für 2 Minuten ablegt, das heisst, wenn man sich die Fragen auf eine andere Art stellt, wird dieses Paradoxon schon relativer. Auf diese Weise könnte man mehr bezüglich Intensität und Gegenseitigkeit, Spannung und Methode reflektieren, als abhängig von quantitativen Kriterien wie Dauer, Ausmass, Beteiligung oder Befriedigung von Forderungen. So gesehen kann diese vergangene Erfahrung also vielleicht einige Vorschläge für die kommenden Kämpfe liefern und dazu beitragen, Umrisse von Gegensetzlichkeiten und Komplizenschaften rund um die Frage der Intervention in die soziale Konfliktualität zu aufzuzeichnen.
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Rethinking Gezi Through Feminist and LGBT Perspectives

Ganzer Artikel erschienen am 11.11.2013 auf jadaliyya.com [LINK]

There’s a long way of struggle that lies in front of us.However, it has shed some light on the truth beyond its overwhelming darkness.

Part I: History of the Woman Question and Feminism in Turkey

Die republikanische Periode:

Die „Frauenfrage“ wurde im Zuge der Entstehung einer türkischen Nation in den 20′er Jahren von republikanischer Seite demokratisch vereinnahmt. Diese Integration lieferte das Argument für einen weitergehenden realen Ausschluss der Frauen aus den gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Gleichzeitig waren die kemalistischen Gleichstellungspolitiken darauf beschränkt, Frauen ausschließlich als Ehefrauen und Mütter zu betrachten – in einer funktionalen Rolle für die Nation. Klassenwidersprüche inbegriffen.

In the Turkish case of nation-building, women have been instrumentalized to define modernity. The image of the new “modern” Turkish woman was directly controlled by the state policies of the Republican era, which facilitated the cultural revolution deemed “necessary” to build the new independent, modern, Westernized, and secular Turkish nation. The modernization project not only marked the modernization of institutions, but prescribed the modernization of the “social imaginary” and of everyday life through gender.

[...]

Die 80′er bis Heute:

Mit dem Militärputsch verschob sich die Ausrichtung des Feminismus in der Türkei. Wurde dieser in den 70′er Jahren unter marxistischen Gesichtspunkten betrachtet, trat nun ein autonomes feministischen Bewusstsein ans Tageslicht, das persönliche wurde politisch. Annäherungen zwischen säkularen und religiösen Frauen, zwischen West und Ost (kurdische Gebiete), sowie eine fortschreitende Institutionalisierung bestimmte die 90′er Jahre, ebenso wie das anwachsen einer autonomen Frauenbewegung in der kurdischen Bewegung. Es kam zu einer Reihe von Gesetzesänderungen zugunsten der Stellung der Frauen in der türkischen Gesellschaft.

[…]

Beyond self-defined “feminist” or “women’s” movements, Saturday Mothers and Peace Mothers became emblematic of the 1990s and 2000s in Turkey. The military coup of 1980 and the Turkish state’s brutal policies in Kurdistan resulted in massive political repression of young people who struggled within left and Kurdish movements. Mothers became politicized actors in the public sphere as their children were “disappeared” in these decades, unrecorded victims to military, police, and paramilitary forces.

Vor Gezi:

Mit dem Machtantritt der AKP verschärfte sich allerdings die Tendenz, Kontrolle über den weiblichen Körper auszuüben, ihn auf die Reproduktion von Arbeitskraft und Arbeitskräften zu reduzieren. Ganz im Sinne des Neoliberalismus wurde die Arbeitszeit für Frauen flexibel gemacht (Doppelbelastung), Schwangerschaftsabbrüche verboten und Frauen zum Gebären von drei und mehr Kindern angehalten (billige Arbeitskräfte in der Konkurrenz). In diesem Kontext sind die Streiks arbeitender Frauen zu betrachten. Insb. der Arbeitskampf bei Turkish Airlines (THY) ist hier eine nähere Betrachtung wert, verdeutlicht dieser doch am offensichtlichsten das Zusammenspiel von AKP-Politik und neoliberalen Kapitalinteressen.

Although we cannot exhaust all the developments pertaining to women’s struggle within the last decade, we want to touch on some major developments that occurred before the Gezi uprising took place. We have previously established that feminist struggle in Turkey predates the Gezi uprising. Now we will explore how the struggle has intensified during the conservative and neoliberal AKP rule. During this period, policies have been implemented that directly seek control over the female body, reducing it to a site of biological and labor reproduction. With these policies, the female subject has been denied the space to exist with all her complexities, reduced to a monolithic passive entity of patriarchal political hegemony.

[...]

Part II: A Timeline of Events on the Ground and Governmental Discourse

Die folgende Zeitleiste veranschaulicht die Dynamik zwischen feministischem Widerstand und Regierungspolitik während der Gezi-Proteste:

Über Widersprüche, Beschränkungen und „neue Bündnisse“ im Protest, Transformation des Widerstands in das Alltagsleben und die Rollback-Manöver der AKP-Regierung …

There is, however, one more dimension in accordance with the feminist struggle within the resistance. There were patriarchal elements used by the male-dominant groups of protestors as well, which later resulted in encounters between female and male groups of Gezi.

Let’s see you use that pepper spray. Take off your helmets, drop your batons and let’s see who’s the real man.”

[...]

To conclude, it is an obvious yet to-the-point argument that the AKP government systematically reproduces the subject position of women as they are reduced to child bearers and to secondary or cheap labor forces, through repeating statements about the female body and motherhood, through sexual harassment, and through constant reinforcement of the good old “divide” between the traditional and modern images of women. This is why Erdoğan campaigns for women to donate at least three children to the nation, and that’s why police freely strip search female protestors, and that’s why that ministries come together and develop a bill, heavily criticized by feminists, that makes sure women can be reproduced as mothers and wives and also remain as minor contributors to the economy within the neoliberal and patriarchal projection of the AKP government.

“The LGBT Block” (By Bade Okçuoğlu)

Wie hat sich der LGBT-Block gefunden, welche Strategien wurden im Protest angewandt? Welche Konsequenzen und Auswirkungen hatte der Gezi-Widerstand?

[…]

The space of Gezi that shattered the narratives of violence surrounding us was actually a space where new relationalities and therefore new meanings could be produced.

[…]

Some of our friends told us that, out of the strength and exuberance this process gave them, they came out to their parents as LGBTs. They were saying that Gezi has become their home and its residents became their folk, with whom they were in solidarity, well beyond classes or identities…

[…]

In the period following the first encounters and reactions, the LGBT Block was mentioned via different channels of media as one of the most favorable groups in Gezi. LGBTQ people were called “heroic” and “as delikanlı as the others” (which means something like “tough guy” in Turkish)

[…]

Ganzer Artikel erschienen am 11.11.2013 auf jadaliyya.com [LINK]

Unsere Commons – Wer, wieso?

Ein Text (Original in Englisch) von dem kollektiven Netzwerk Müştereklerimiz („Unsere Commons“), Anfang Juni

Was wir sehen – April 2013

Ob im Norden oder im Süden: Am Horizont ziehen Wolken auf.

Der Schrei nach wahrer Demokratie erklingt in öffentlichen Räumen, an Straßenecken und in Armenvierteln. Vom Tahrir-Platz bis zum Syntagma-Platz drängen die Massen uns dazu, hinzusehen: Seht die Ungleichheit eines Systems in einer allumfassenden Krise, die schmutzigen Spiele der Technokraten und Parlamentsmitglieder, der Diktatoren und falschen Demokraten.

Sie tun so, als hätten wir keine Alternative, als könnten wir uns nur an die Spielregeln halten und mehr arbeiten, mit weniger auskommen und uns mit dem zufrieden geben, was übrig bleibt. Die Konsequenz der Lüge, die seit 30 Jahren im Umlauf ist, läuft auf noch mehr Ungleichheit und noch mehr Sklaverei hinaus.

Gegen diese Lüge revoltiert die Gegenwart. Dies ist der Ort, an dem wir mit dem Kampf beginnen.

Das kapitalistische System kann die lähmenden Konsequenzen der Krise nicht länger verbergen. Die rasante Zerstörung der Umwelt und die globale Wirtschaftskrise, für alle die Armen und Unterdrückten auf der Welt, die Katastrophe. Jahr für Jahr steigen die Arbeitslosenzahlen trotz aller Versuche, die Statistik zu manipulieren. Manche werden an den Rand gedrängt, indem man behauptet, sie seien „nicht beschäftigungsfähig“, während die große Mehrheit derer, die in der Lage sind, eine Arbeit zu finden, zu prekärer Beschäftigung verdammt sind. Vor allem junge Menschen und Frauen leben in Armut, so hart sie auch arbeiten mögen. Soziale Grundrechte wie Bildung, Gesundheitswesen und Wohnraum werden eines nach dem anderen angegriffen. Wir können nur so lange von ihnen profitieren, wie wir in der Lage sind, sie zu kaufen. Die Konsequenzen der globalen wirtschaftlichen Ungleichheit zwingen Millionen von Menschen entweder unmittelbar, durch Hunger und Deterritorialisierung, oder indirekt in Form von Konflikten und Kriegen zur Auswanderung. Diejenigen, die sich in die Warteschlange vor den stummen Toren der zivilisierten Welt einreihen, die Opfer der andauernden Diskriminierung und des Rassismus, können nur als billige und leicht anzuwendende Arbeitskraft bestehen, wodurch sie unter noch schlimmeren Lebensbedingungen leben müssen als die arme Bevölkerung ihrer neuen Heimat.

Und die Reaktion auf diese totale Krise besteht darin, dass uns die Machthabenden noch mehr abverlangen wollen. Unternehmen und Regierungen haben die Krise in eine Gelegenheit verwandelt und greifen alles an, was in jahrhundertelangen Kämpfen errungen worden ist. Deshalb versucht das Kapital unsere städtischen Räume und unseren Alltag, den wir zusammen bestreiten, in die Hände zu bekommen. Ebenso versucht es die ländlichen Gegenden, die voller Wasservorkommen und Samen sind, die uns ernähren und denen wir unsere Existenz zu verdanken haben, in die Hände zu bekommen. Es vergreift sich an den Rechten, die wir in jahrzehntelangen gesellschaftlichen Kämpfen errangen, an den Ideen und Gütern, die wir gemeinschaftlich herstellen und sogar an unserem Erbgut. Die gegenwärtige Lage kann nur eine Katastrophe herbeiführen. Wir sehen uns mit immer weniger Arbeit bei längeren Arbeitstagen, einer Sakralisierung der familiären Institutionen und mit erstickenden häuslichen Verhältnissen konfrontiert. Der Kriegsruf ertönt überall, wie auch schamlos verkündete Demokratie-Erklärungen. Umgeleitete Wasserläufe, endlose Projekte für Energieunternehmen, entfremdete Städteplanung, ganze Nachbarschaften, die zwangsumgesiedelt werden; der Verkauf von Einrichtungen im Bildungs- und Gesundheitswesen; Schulen, die die prekäre Arbeitnehmerschaft der nächsten Generation erziehen; Hochschulen, in denen sich der Einfluss kapitalistischer Kräfte und Machtspiele abzeichnet; öffentliche Plätze, die von hunderten von Kameras und Sicherheitsanlagen überwacht werden; Städte, die von der Außenwelt abgetrennt sind, und Stadtteile, die menschenleer sind. Kurz gesagt: der Verlust des Gemeinschaftlichen. Zwangsenteignung, finanzielle Unsicherheit, Verlust der Unbescholtenheit. Und diese Aggression wächst nun schon seit der Machtergreifung vom 12. September 1980 bis zu den heutigen Nationaltyrannen. Hier ist das frohe Nimmerland, das die Träume der Mächtigen der Welt erregt.

Was wir hören

Nicht, dass uns jemals Einwände gegen diesen Generalangriff gefehlt hätten, so viel steht fest. Widerspruch wurden gestern ebenso formuliert, wie er es auch heute wird. Berichte über Widerstand erreichen uns aus allen vier Ecken der Welt, auch wenn sie nicht von den etablierten Medien aufgegriffen werden. Diskret und still gären die Einwände. Falsche, verzerrte Melodien werden gesummt. Aber wir haben die Hürde noch nicht überwunden.

Wir wissen nun genau: Trotz aller aufrichtigen Bemühungen können Kämpfe, die sich nur gegen ein Problem an einem Ort richten, nicht fortbestehen. Die Massen, die Maßnahmen ergreifen und gewisse Forderungen stellen, müssen sich angesichts der enormen Macht, die ihnen gegenübersteht, nach einer Weile zurückziehen. Die Erfahrung derer, die erfolgreich sind, können nicht auf höhere Ebenen oder irgendwo hin anders übertragen werden. Wir werden angesichts der umfassenden Angriffe des Kapitals an unsere immerwährende Hilflosigkeit erinnert. Die Endforderung, die die neo-liberale Welt an uns richtet, ist die Auflösung.

Gegenwärtig ist es dringend notwendig, dass wir Orte des Widerstands und der Solidarität schaffen und vervielfältigen, um uns aus diesem Zustand der Machtlosigkeit und Zersplitterung zu befreien. Wir müssen auf mehreren Ebenen Forderungen stellen, die von den praktischen Bedürfnissen des Alltags hin zu abstrakteren politischen Analysen reichen. Wir wissen, dass wir in der Lage sein werden, die Wellen der Angreifer zu brechen, die Wirkung der Auflösung zu verbannen, die wir dem Neo-Liberalismus zu verdan ken haben, bis zu dem Punkt, an dem wir in der Lage sind, diese öffentlichen Räume zu schaffen und zu vervielfältigen.

Wo wir beginnen

Wir suchen nicht nach einem neuen Dach, sondern nach einem gemeinsamen Standort. Wir beabsichtigen weder die Artikulation einer einheitlichen und daher begrenzten Forderung oder eines Diskurses, um das Netzwerk, aus dem wir bestehen, zusammenzuhalten, noch schlagen wir etwas vor, was unzählige Male unter dem Begriff „Neuheit, totale Neuheit“ vorgeschlagen wurde.

Wir müssen die Forderungen, die Funktionsweise, die Methoden und die Mittel des anhaltenden und nachhaltigen Kampfes von unten aufgreifen und enthüllen. Wir müssen einen gemeinsamen Raum beschreiben, auf dem wir das Gebäude der Solidarität errichten können, eine Solidarität von heute und von morgen.

Im Februar 2013 begannen wir uns zu treffen – Viertel, bedroht von der Zwangsräumung, städtische Bewegungen, UmweltschützerInnen, FeministInnen, Transgender, AntikapitalistInnen und Netzwerke, die sich mit MigrantInnen solidarisieren. Wir schlagen die Schaffung eines Raumes vor, an dem wir unsere Bewegung vereinen können. Die Mechanismen der Macht und Unterdrückung, die uns umgeben, betreffen uns alle, weshalb unser Kampf auch ein vereinter sein sollte. Die Reise, die im Gezi-Park begann, nährte unsere Stärke und unseren Mut mit ihrer Beharrlichkeit, Kreativität, Entschlossenheit und mit ihrem Selbstbewusstsein. In kürzester Zeit erblühte der Widerstand nicht nur im Gezi-Park, sondern auch auf dem Taksim-Platz und breitete sich vom Taksim-Platz auf Istanbul und auf den Rest des Landes aus. Der Kampf um den Gezi-Park wurde zu einem Kampf, an dessen Schauplatz wir unsere ganze Wut gegen alles aussprachen, das uns davon abhielt, eigenständig über unsere Lebensweise in der Stadt zu entscheiden. Nach dieser Zurschaustellung von Wut und Solidarität wird nichts mehr sein, wie es mal war. Niemand von uns wird der oder die sein, der/die er mal war. Wir haben eine Seite an uns entdeckt, die wir nie zuvor gekannt hatten. Wir haben sie nicht nur wahrgenommen: Wir haben sie alle zusammen erzeugt. In Städten und auf dem Lande, in Stadtvierteln und auf Universitätsgeländen, mit BürgerInnen und BürgerInnen aus anderen Ländern schlagen wir die Knüpfung eines Widerstandes von Männern und Frauen vor, die dem Kapitalismus, der Umweltzerstörung, dem Patriarchat und dem Heterosexismus entgegentreten. Wir stehen am Anfang, aber wir werden an dieser Stelle nicht enden. Wir gehen mit geduldiger Eile voran. Dies ist erst der Anfang, der Kampf geht weiter.

Starting with our commons, we reclaim what belongs to us!

 


Übersetzung aus dem Englischen: Andrej Bagoutdinov studiert Anglistik und Geschichte an der LMU München. Seit 2008 ist er als freiberuflicher Dolmetscher und Übersetzer für die Sprachen Russisch, Englisch und Slowakisch tätig.

 

Erschienen in „STUDIENREIHE Zivilgesellschaftliche Bewegungen – Institutionalisierte Politik“ Nr. 26/2013 

 

Conference: “GLOBAL UPRISINGS”

 

 

 

 

 

via globaluprisings.org

This three-day event will bring together activists, journalists and scholars from the front-lines of the popular uprisings unfolding around the world.

GLOBAL UPRISINGS

The Stories, Ideas and Future of Uprisings around the World

De Balie, Amsterdam (The Netherlands)
November 15-17, 2013

Over the past two and half years, streets and squares across the world have become the site of massive demonstrations, strikes, occupations, riots, rebellions and revolutions. From the Arab Spring to the movement of the squares in Southern Europe, and from there to the global Occupy movement and the current uprisings in Turkey and Brazil, people everywhere have been rising up against the power of governments, corporations and repressive regimes, representing a global legitimation crisis that affects authoritarian regimes and liberal democracies alike.

Next month, we will have the historic opportunity to bring together some 50 people from all over the world who have been directly involved in these various struggles. From November 15-17, Global Uprisings is organizing a unique weekend of presentations, discussions and film screenings in Amsterdam, gathering a wide array of activists, journalists, filmmakers and scholars who have participated in and reported from the front-lines of the popular uprisings in Tunisia, Egypt, Palestine, Greece, Spain, Italy, Portugal, Slovenia, Chile, the UK, the US, Canada, Turkey and Brazil.

The Global Uprisings conference will open on Friday night with a keynote speech by the acclaimed British journalist Paul Mason, author of Why it’s Still Kicking off Everywhere. On Saturday and Sunday, we will have multiple discussion sessions with grassroots organizers about where today’s movements have come from and where they are headed; how people are organizing in the areas worst hit by the euro crisis; what happened to the revolutions in North Africa and the Middle East; how the Occupy Wall Street movement was organized; why Canadian and Chilean students decided to take to the streets; what animated the most recent popular uprisings in Turkey and Brazil, and much more.

In these discussions, we will address some of the most pertinent questions facing the movements today, including the lessons to be drawn from recent experiments with general assemblies and direct democracy; the use of independent and social media; the role of women in the revolutions; how to organize a general strike from below; and how to continue the fight for housing rights, free education and real democracy in the wake of some of the biggest mobilizations to date.

On Saturday night, there will be another large plenary session featuring renowned scholars George Caffentzis and Silvia Federici. Throughout the conference, a number of documentary films will be screened and plenty of opportunities will be provided to talk to participants and exchange ideas, lessons and experiences. In addition, various unofficial events will be organized in free spaces and social centers in the city center, including a party at the Vrankrijk squat on Saturday night.

The conference is open to the public and entirely free of charge. A preliminary description of the event can be found here. A full program will be made available by the organizers soon.

The Global Uprisings Conference is organized by Brandon Jourdan (award-winning independent filmmaker) and Marianne Maeckelbergh (anthropologist at Leiden University in the Netherlands) of the Global Uprisings documentary film project. The event will be hosted by discussion center De Balie in Amsterdam and is made possible with the funding of the Foundation for Democracy and Media.

Modeschau in der besetzten Fabrik Kazova

Nachdem die Produktion in der besetzten Textilfabrik Kazova [Link] im Istanbuler Stadtviertel Bomonti am 14. September von den Arbeiter_innen selbstorganisiert aufgenommen wurde, beginnen diese nun ihre Produkte mit einer Modeschau zu präsentieren.

Die Aktion wird von verschiedenen bekannten Intellektuellen und Künstlern unterstützt: z.B. von Orhan Alkaya, Pelin Batu, Cengiz Bozkurt, Deniz Türkali, Nilüfer Açıkalın, Güler İnce, İlkay Akkaya, Pınar Aydınlar, Hakan Yeşilyurt, Ece Temelkuran, Ruhi Su Dostlar Korosu, Metin Yeğin, Grup Yorum and FOSEM.

Sieben Monate Widerstand

vor sieben Monaten stellte die Fabrik Kazova die Arbeit ein. 94 Arbeiter_innen wurden arbeitslos ohne Abfindungen und ohne Zahlung ausstehende Löhne zurückgelassen. Die Besitzer Ümit Somuncu und Mustafa Umut Somuncu machten sich über nacht aus dem staub, nicht ohne vorher noch einen Großteil der Maschinen unbrauchbar zu machen (z.B. Zerstörung der Leiterplatinen, Steuerungselektronik, etc.). Seitdem leisten 10 Arbeiter_innen Widerstand, indem sie Protestzelte vor der Fabrik aufschlugen. Ebenfalls initiierten diese, zusammen mit anderen Arbeiter_innen, regelmäßige Protestdemos an jedem Samstag ins Zentrum Istanbuls, um Ihrer Fordeung nach ausstehenden Rechten und Löhnen Nachdruck zu verleihen.

  • Zum 1. Mai veränderte sich die Situation, als Polizei ihre Demonstration mit Wasserwerfen und Tränengas angriff. Am 28. Juni besetzten sie ihre Fabrik – mit dem im Gezi Widerstand gewonnen Selbstvertrauen.
  • Am 1. September fand ein 24-Stunden-Festival vor/in der Fabrik statt, welches auf die Besetzung, aber vor allem auf den geplanten Produktionsstart in Eigenregie aufmerksam machen sollte.
  • Am 14. September begann dann auch die Produktion mit den restlichen, zurückgelassenen und instandgesetzten Maschinen.

Laut den Kazova Arbeiter_innen gehen die ersten Produkte an inhaftierte Frauen und Kinder, welche Unterstützungsbriefe für die Besetzung verschickt hatten. Der Plan ist, die Produkte über eine eigene Theke vor der Fabrik, sowie in den verschiedenen Foren Istanbuls zu verkaufen.

Kazova Factory befindet sich in Merkez Mahallesi İyiniyet Sok. No: 17 Merkez Mh. Şişli.  (twitter.com/kazovadirenisi)

Winter is Coming – Stimmungsbild aus der Türkei

Ein Stimmungsbild aus der Türkei via linksunten.indymedia.org

Einer der humorvollsten und präsentesten Slogans in der Türkei ist „Winter is Coming“. Kaum ein Gespräch kommt ohne einer Andeutung darauf aus. Es herrscht einerseits eine diffus abwartende Haltung, andererseits läuft gerade auch alles irgendwie wie vor den Protesten weiter – zumindest an der Oberfläche. Die einzelnen Kampagnen, Kämpfe beginnen sich langsam wieder zu formieren, allerdings mit mehr Selbstbewusstsein und gestärkter als vor der Revolte. Täglich gibt es viele Aktionen, die aber nicht breit angekündigt werden und meist nur das eigene politische oder soziale Spektrum erreichen. Es ist schwierig den Überblick zu behalten.

weiterlesen auf Indy …

 

Was ist Videoccupy?

Dieses im Gezi-Protest äußerst aktive Videokollektiv gründete sich in den den ersten Tagen des Protestes. Um 2-3 Freunde, welche von beginn an im Protest aktiv waren und nach einer Möglichkeit suchten, die Commune für das solziale Gedächnis zu bewahren, sammelten sich innerhalb 3 Tagen bis zu 20 Personen. Videoccupy war geboren Bericht aus der Bewegung sind das Resultat.(z.B. auf Videoccupy Youtube-Channel)

Das theoretische Niveau, mit dem die Arbeitsweise diskutiert und bestimmt wurde, lässt vielleicht ansatzweise die Aufbruchstimmung und Politisierung von Abertausenden in den 3 Protestwochen anfang Juni erahnen.

Im Rahmen der Repression gegen „Taksim Solidaritätsplattform“ wurde ein 25 seitiges Behördenpapier bekannt, mit Namen oder Gruppen gegen die im Rahmen der o.g. Untersuchung ermittelt wird. Videoccupy stand auf dieser Liste.

Es wird auch am Aufbau eines demokratischen und subjektiven Videoarchives mit mehreren hundet Stunden Material (Online) gearbeitet, um das kollektive Gedächtnis zu erwitern. Es werden sich dort keine editierten Dokus finden, sondern nur „Pure Video“. Es wird verschiedenstes Material (unter Sicherheitsgesichtspunkten) veröffentlicht, dies kann von dort für weitere Aktivitäten von jedermann genutzt und ergänzt werden.

Hier ein Video von und über das Kollektiv:

http://videoccupy.org/

Shoppen, Beten, Kinderkriegen

Errol Babacan gibt einen breiten Überblick über die autoritär-kapitalistische Formierung des türkischen Staates unter den sunitisch-konservativen Vorzeichen der AKP. Bei näherer Betrachtung wird deutlich, warum weltweit Teile von Politik und Wissenschaft die Türkei als das Modell der Zukunft betrachten.

Was dies alles mit dem Gezipark Protesten zu tun hat, und woher diese kommen, wird ebenfalls im Artikel ‚Shoppen, Beten, Kinderkriegen’ – Aufstand in der Türkei beleuchtet (ursprünglich auf links-netz veröffentlicht)


Les Camarades Imaginaires

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